Forschungen zur Archäologie im Land Brandenburg, Band 19



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Artikel-Nr.: SW10011

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Produktbeschreibung

Die Studie legt den endneolithisch bis frühbronzezeitlichen Abschnitt der stratigrafischen Siedlungssequenz vom Fundplatz Altgaul 2 mit den darin vergesellschafteten Funden und Befunden sowie den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Analysen vollständig vor. Die Ergebnisse der Einzelanalysen werden auf europäischer Ebene – mit Schwerpunkt auf Keramik und Flintartefakten – sowie anhand etwa zeitgleicher Fundplätze verglichen. Zu ihrer weitreichenden endneolithischen und frühbronzezeitlichen Verbreitung im Rahmen des Glockenbecher-Phänomens, der Riesenbecher und des Riesenbecher-Trzciniec-Packages sowie chronologisch und chorologisch daran angrenzender archäologischer Kulturen erfolgt eine kulturhistorische und siedlungsarchäologische Bewertung. 

Zunächst werden die Topografie und das naturräumliche Umfeld des Fundplatzes, die glazialmorphologische Entstehung des Oderbruchs und seine holozäne Entwicklung beschrieben. Letztere nimmt Bezug auf das Flusssystem des Oderbruchs, die Genese der Böden, das Klima und die Vegetationsgeschichte. Es folgt die Beschreibung der Abläufe beider Grabungskampagnen und der Grabungsmethodik.

Zentral für die weiteren Analysen ist das Kapitel Siedlungsstratigrafie. Darin erarbeitet Verf. auf Grundlage der Grabungsmethode, der Pedogenese und der mikromorphologischen Analyseergebnisse, quellenkritischer Aspekte und eines Exkurses zu den Bedingungen äolischer Sedimentationsprozesse eine Rekonstruktion der Siedlungsstratigrafie. Sie wird in eine anschauliche Harris-Matrix überführt. Im Anschluss erfolgt auf Basis der stratigrafischen Relationen aller Schichten und einzelner architektonischer und übergeordneter Befundstrukturen (Hausbefunde und Pflugspuren) die relativchronologische Phasengliederung und die absolutchronologische Datierung bzw. Bayesche Modellierung der Sequenz.  Es schließen sich eine Beschreibung der Befunde und ein überregionaler Vergleich mit anderen etwa zeitgleichen Strukturen an (Pfostengebäude, Pfostenkranz, Zaun, Abfallhaufen und Pflugspuren).

Bei der Analyse des Fundmaterials wird zunächst die Keramik auf mehreren unterschiedlichen Klassifikationsebenen systematisiert und analysiert. Hierzu zählen formale, metrische, gefäßmorphologische und technologische Aspekte sowie die Ebene der Verzierungen. Basierend auf den stets über die stratigrafischen Relationen auch chronologisch determinierten Ergebnissen der jeweiligen Klassifikationsebenen entwickelt sich die gefäßtypologische Gliederung. Die verschiedenen Merkmalebenen werden schließlich mithilfe von zwei Korrespondenzanalysen getestet; einmal mit Bezug auf die technologischen Parameter, einmal auf der Ebene spezifischer Einzelmerkmale, im Rahmen der Gefäßtypologie.

Weiterhin geht es um die statistische Untersuchung der Feuersteinartefakte zu. Klassifikation und Systematik beziehen sich in erster Linie auf die Grundformanalyse. Im Blickpunkt steht die Analyse des Produktionssystems: zunächst der Grundformen nach bestimmten Parametern (Rohstoff, Gewicht, natürliche Oberflächen, thermische Einwirkungen), dann der charakteristischen modifizierten Geräteformen (Kratzer, Bohrer, Feuersteinbeile und Feiersteindolche).

Es folgen die Felsgesteingeräte ein, darunter Zapfenkeile, Beile, Dechsel, Äxte und die übrigen Steingeräte. Daran schließen sich Kapitel zu den Knochengeräten (Nadeln, Pfrieme/Ahlen/Spitzen, Span­geräte/Meißel), zum Knochenschmuck (Knochenscheibe und Tierzahnschmuck) sowie zum Bernsteinamulett, den Tierknochenspektren und der ausschließlich verkohlt überlieferten, pflanzlichen Makroreste an.

Anhand der spezifischen Vergesellschaftungsmuster des Fundmaterials und einer primär oberirdisch orientierten Deponierungspraxis ließen sich Aktivitätsbereiche und über Funddichtekartierungen Abfallhalden rekonstruieren, die in Kombination mit den Pflugspuren Einblick in eine spezifische Form des Feldanbaus liefern, die als ,midden cultivation‘ beschrieben wurde.

Die Folge-Kapitel erläutern die Genese der Sequenz, was ermöglicht, den Entwurf eines endneolithischen bis frühbronzezeitlichen Siedlungsmodells abzuleiten. Und schließlich die vergleichenden Betrachtungen und daraus abgeleiteten kulturhistorischen Überlegungen. Zunächst wird der verwende Kulturbegriff skizziert, der sich von dem der traditionellen archäologischen Konzeption unterscheidet, da die als Ausdruck kollektiv geteilter kultureller Standardisierungen gewerteten Merkmalkombinationen nicht von Beginn an der Kohärenzannahme unterliegen. Darüber hinaus wird der Aspekt der Mobilität in der zweiten Hälfte des 3. Jts. v. Chr. diskutiert, der eine zentrale Prämisse für die nachfolgenden Betrachtungen darstellt. Nach einer quellenkritischen Betrachtung, der Vorlage der Datengrundlage, Datierungen und einem forschungsgeschichtlichen Abriss zur Verbreitung der leistenverzierten Keramik arbeitet Verf. die Keramikfacies als Teil eines westeuropäischen Interaktions- bzw. Kommunikationsraums heraus. Letzterer hat seine Ursprünge im Glockenbecher-Phänomen und bleibt bis weit in die Mitte des 2. Jts. v. Chr. auf dem Gebiet der polnischen Trzciniec-Kultur bestehen. Während sich das Phänomen im Westen durch neu entstandene frühbronzezeitliche Kulturen wieder verliert, existiert die Tradition in der Trzciniec-Kultur weiter. Die Ursache für die zeitliche Tiefe dieses Phänomens, das sich in der materiellen Kultur wegen spezifischer, eher oberirdischer Deponierungspraktiken und daraus resultierender Vergesellschaftungsmuster nur schwer nachweisen lässt, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit – so die These – in einer halbsesshaften Siedlungsweise sowie in Subsistenzstrategien, die auf Wanderweidewirtschaft basieren.



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